HenningWehland

ALLES AUF EINEN BLICK - DER IMMER WIEDER MONTAGS INDEX

Hier habt Ihr mal einen Überblick über die bisher veröffentlichten IMMER WIEDER MONTAGS Blogs - Falls Ihr mal etwas nachschlagen wollt.




IMMER WIEDER MONTAGS #49 - Wie wollen wir leben? – oder: wir wollen leben, aber wie?


„Doch die Leute im besetzten Haus riefen:“Ihr kriegt uns hier nicht raus, das ist unser Haus, schmeißt doch endlich Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus“ („Rauch-Haus-Song“, TON STEINE SCHERBEN aus dem Album KEINE MACHT FÜR NIEMAND; 1972)


Ich komme nach langer Zeit mal wieder in Berlin an. Die Großstadt erfasst mich, wie ein wildes Tier seine Beute. Die Geschichte bewirft mich sofort mit den Steinen der Erinnerung. Anders als noch vor einigen Jahrzehnten, steht mittlerweile wieder fast jeder Stein auf dem anderen und der Rebell unter den Weltstädten passt sich auch immer mehr dem Mainstream an. Aber eine gewisse Faszination von den Gegensätzen, die diese Stadt ausmachen bleibt auch an mir hängen, wie die Fliege im Netz.

Ich lasse es mir nicht nehmen, den Weg vom Hauptbahnhof nachhause zu laufen. Mein Hund Tony dankt es mir und ich räume brav hinter ihm auf, damit er keinen Grund zur Klage über die bekannten Tretminen liefern kann. Ich kenne die Metropole noch aus Zeiten vor der Wende. Von beiden Seiten der Mauer. Mein Blick fällt immer noch hinter die Kulissen der Neubauten, die mittlerweile jede Baulücke geschlossen haben, die diese Stadt früher aus der Masse haben hervorstechen lassen, wie ein schwarzes Osterlamm.

Mein Weg führt mich am Hamburger Bahnhof vorbei, über die Spreebrücke, früher die natürliche Grenze zwischen Ost und West. Dann biege ich links in die Scharnhorststrasse ab, um kurze Zeit später wieder auf die Habersathstrasse zu kommen. Hier steht ein Mehrfamilienhaus aus den 80er Jahren. Viel Wohnraum zu außergewöhnlich günstigen Mieten. Ein Unikat im heiß umkämpften Berlin der Postmauerära. So selten, wie ein Einhorn. In den letzten Jahren hatte ich schon oft davon gehört, dass es Streit um diese Immobilie gegeben hat. Das ehemalige Schwesternwohnheim der Charité sollte unter der Duldung des zuständigen Bezirks Mitte entmietet werden, um einem Neubau Platz zu machen. Viele haben bestimmt von dem legendären und mittlerweile gekippten Mietpreisdeckel gehört. Dieser trifft allerdings nur auf Bestandsimmobilien zu. Bei Neubauten liegt der Mietpreis pro Quadratmeter ganz im Ermessen der Investoren. Das macht den Abriss natürlich sehr schmackhaft für Menschen die lieber Ihr Geld für sich arbeiten lassen, anstatt selber anzupacken. Und die Habersathstrasse 40-48 ist ein riesiger Stachel im Fleisch der Spekulanten.

Als ich diesmal an der Fassade vorbeilaufe, springen mir einige bemalte und beschriftete Bettlaken ins Auge, die wie Totenkopffahnen auf einem Piratenschiff im Wind wehen. „HAB 40-48 KEIN ABRISS“ steht darauf geschrieben. Das Szenario erinnert an die Hamburger Hafenstrasse der 80er Jahre. Die Begriffe Hausbesetzerszene und Instandbesetzung schießen mir durch den Kopf.

Wenn Deutschland ein Asterixheft wäre, dann wäre Berlin wohl Gallien und die Habersathstrasse 40-48 das legendäre Dorf der Unbeugsamen. Denn die Interessengemeinschaft Habersathstrasse scheint das Unmögliche möglich zu machen. Das Haus wird vorerst nicht abgerissen. Ich muss leise schmunzeln und auch Tony geht ehrfürchtig an den Mauern vorbei, ohne das Bein zu heben. Das hebt er sich für den BND auf, der gleich um die Ecke an der Chausseestrasse wartet. Und da kommt es wieder in mir hoch, dieses Gefühl, warum ich Berlin so amivalent liebe, wie den letzten Sommertag. Es gibt sie noch, die Rebellen, die sich für die stumme Mehrheit einsetzen und auch mal auf einem Dreirad einen Etappensieg auf der Tour de Gaulle einfahren. Hier auf dem Schlachtfeld von David und Goliath. Den Krieg werden aber wohl wieder die Römer gewinnen, denn der Einsatz der Aktivisten scheint nur ein wenig Zeit geschunden zu haben: https://www.tagesspiegel.de/berlin/nach-besetzung-in-berlin-mitte-plattenbau-in-der-habersaathstrasse-obdachlose-duerfen-doch-nicht-einziehen/27923486.html

Leider gibt es keine Influencer mit Millionen Followerzahlen, die eine solche Unterstützung gegen Geldarbeit zu einem langfristigen Erfolg führen. Dennoch gibt es mir das Gefühl, dass 50 Jahre nach dem legendären Rauch-Haus-Song noch Menschen gibt, die sich nicht alles gefallen lassen. Die - auch ohne Eigennutz -  Haltung zeigen und ihre Stimme erheben, wenn sie Ungerechtigkeit sehen und spüren. Das ist ein Protest, der Mut macht, weil er Menschen hilft, die es nötig haben. Meinen Informationen nach wird der Leerstand aktuell für Obdachlose zur Verfügung gestellt, die ansonsten aus den zugefrorenen Häuserschluchten Berlins verjagt würden. Ich bin der Meinung, dass der Senat einen großen Fehler gemacht hat, als er Anfang der 2000er Jahre 65.000 Wohnungen an große Immobilienfirmen verkaufte. Für etwas mehr als 405 Mio Euro. Ein Viertel dieser Immobilien wurden jetzt für die stolze Summe von knapp 2,5 Mrd. Euro zurückgekauft. Das macht eine Rendite von ca. 2400%. Beides von einem roten Senat unterstützt. https://www.tagesspiegel.de/politik/wowereit-kritisiert-wohnungsdeal-des-berliner-senats-ich-halte-diesen-kauf-fuer-nicht-richtig/27624474.html

Danach kommt einem der Versuch der Mietpreisdeckelung vor, wie ein kaschiertes Feilchen eines geschlagenen Preisboxers. Kein Wunder also, dass wir einen Kanzler wählen, der vermeintlich in dubiose CumEx Geschäfte verwickelt war. Auch die Verteilung von Fördermitteln während der 4. Coronawelle lässt das soziale Verständnis der von Scholz angeführten Ampelkoalition ziemlich altgelb aussehen. Hierzu kann ich wiedermal die Spieglekolumne von Sascha Lobo empfehlen. https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/selbststaendige-angeschmiert-im-angestelltenland-kolumne-a-8eefad98-8e0d-4415-9db0-f55a12f0ed03

Mittlerweile bin ich wieder in unserer Eigentumswohnung angekommen. Ja, auch wir sind Eigentürmer von Wohnraum und profitieren langfristig von der Preisentwicklung bei Immobilien. Aber wir haben die Freiheit und die Möglichkeit uns nicht an der absurden Preistreiberei bei Mieten zu beteiligen. 

Meine Augen fahren jetzt in Gedanken an einer anderen Häuserfront vorbei. In der Brunnenstrasse unweit der ehemaligen deutsch/deutschen Grenze steht auf die Mauern geschrieben:“Dieses Haus stand mal in einem anderen Land“. Ein Wortspiel, das mir Gänsehaut bereitet. Auch in meinem warmen Altbau mit Tony auf dem Schoß.

In diesem Sinne wünsche ich Euch eine schöne Woche.

Lasst uns Gallier sein!

Euer Henning


„Euch gehören die Häuser. Uns gehört die Stadt“ (Graffiti im Prenzlauer Berg)


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IMMER WIEDER MONTAGS #49 - Wie wollen wir leben? – oder: wir wollen leben, aber wie?


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Henning

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